Montag, 7. April 2014

Dies und Das über zwei Welten oder zwei Kulturen

Es ist doch klar, dass man sich immer dann besondere Gedanken macht, wenn etwas Vorausgegangen ist,
was nicht dem normalen Tagesablauf entspricht. Das war auch der tiefere Grund für meinen gestrigen Post.
Es war nichts Weltbewegendes - vielleicht sogar Banales. Aber mich hat es doch berührt.

Am Samstagmorgen bekam ich einen Anruf, dass eine der von mir betreuten Damen im Stift gestürzt ist. Sie wollte mich sehen. Da war guter Rat teuer: Ich hatte für den Nachmittag eine Einladung angenommen, die ich ungern absagen wollte. Also habe ich kurzerhand die Vorbereitungen für das Mittagessen gestoppt und bin ins Stift gefahren. Die Dame hatte gottseidank nichts gebrochen - aber die rechte Seite ist geprellt. Wir haben dann zusammen zu Mittag gegessen und ich war nach dem Essen noch für eine weitere Stunde bei ihr. Sie suchte immer wieder nach Gründen, dass ich noch bleiben sollte. Sie nörgelte - wie immer - an allem herum. Schimpfte über die Schwestern, die wirklich nett sind. Findet das Essen einen "Saufraß" (stimmt wirklich nicht) und natürlich war ihr auch wieder Geld abhanden gekommen. Meine gute Laune war so nach und nach auf dem Nullpunkt angekommen. Ich versuchte sie dennoch wieder aufzumuntern, ihr die schönen Seiten des Heimes aufzuzeigen. Die vielen Aktivitäten schmackhaft zu machen, an denen sie teilnehmen kann. Aber alles wurde mit einer Handbewegung abgetan. Der altenDame geht es nicht schlecht. Sie hat genug Geld. Kann sich viele Extras gönnen, aber eines fehlt: Sie hat keinen Kontakt zu ihren Kindern. Mit denen ist sie seit Jahren heillos zerstritten. Es lässt sich auch nicht kitten. Noch nicht!
Seit zwei Wochen habe ich zwei kleine Muslima neu in meiner Lesegruppe. Es sind zwei bildhübsche Mädchen im Alter von 12 Jahren. Sie stammen aus Afghanistan. Und sie tragen Kopftücher. Es gab nur eine heikle Situation, als die Mädchen der Gruppe wissen wollten, wieso ihre Kopftücher so toll gebunden seien. Sie erklärten sich bereit, es ihnen zu zeigen - allerdings mussten die Buben das Zimmer verlassen. Mit denen bin ich auf den Flur gegangen und habe ihnen erklärt warum und wieso das so ist. Sie haben mir versprochen, sie nicht zu hänseln und ihnen die Tücher auch nicht vom Kopf zu reißen. Großes Indianerehrenwort. Bis zum heutigen Tag ist Ruhe und ich muss auch nicht befürchten, dass es sich ändert.
Die kleine - ich nenne sie mal Fatima - hat mich nun, auch im Namen ihrer Eltern, zu ihrem Geburtstag eingeladen. Ich vermeide private Kontakte. Und schwupp, war ich wieder in einer Zwickmühle. Kurzum, nach reiflicher Überlegung und diversen Rücksprachen habe ich die Einladung für Samstag, 15,00 Uhr angenommen.

Ein Problem stellte das Geschenk dar. Ich hatte ein wunderschönes Kopftuch. Aber ich konnte nirgendwo nachlesen, ob man das einer Muslima schenken darf. Das Kopftuch gehört zu ihrer Kultur, ist ein Teil ihrer Religion. Also habe ich Abstand genommen und ihr ein sehr schönes Kissen geschenkt. Als ich ankam, wurde ich sofort ganz herzlich empfangen. Bekam den Ehrenplatz zwischen den alten Eltern des Ehemanns.Leider war die Verständigung sehr schwer. Sie sprachen kaum deutsch. Es waren bestimmt 30 Gäste da und es wurden viele Leckereien aufgetischt. Man hat verstanden, dass ich von den Süßigkeiten nichts nehmen konnte, also bekam ich etwas anderes. Es herrschte eine stille Fröhlichkeit. Die war echt und nicht gespielt. Alle waren freundlich und herzlich. Ich gebe zu: Es war anders. Aber ich fühlte mich nie fremd. Als ich mich nach knapp 2 Stunden verabschiedete, bekam ich noch Essen mit. Ich weiß wirklich nicht, wann ich das alles zu mir nehmen soll.

Ein Tag, an dem zwei Welten aufeinander prallten. Auf der einen Seite eine alte Dame im Stift. Sie hat alles.
kann sich viel leisten und ist doch nicht zufrieden. Ich versuche mein Bestes um sie aufzumuntern und mit ihr zu machen, was in meinen Kräften steht. Gehe mit ihr in die Cafeteria, lese vor und erledige ihre "Wünsche"-
Auf der anderen Seite eine Dreigenerationen-Familie. Sie lebt auf engstem Raum und ist dennoch zufrieden. Sie danken dafür, in einem Land leben zu dürfen, in dem es keinen Krieg gibt, in dem ihre Kinder zur Schule gehen dürfen und wo die Großmutter, die durch eine Granate beide Unterschenkel verloren hat, einen Rollstuhl bekam.

Das ist nun ein langer Post geworden. Eigentlich viel zu lang. Aber ich wollte auch diese Gedanken loswerden. Sie sind es wert, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt. Ich lebe in einem Land, in dem nicht alles schlecht ist. Das Gute muss einem wieder vor Augen geführt werden. Ich lebe in einem Land, wo Frieden herrscht und ich in Ruhe leben kann.

Es kommt für jeden der Augenblick
der Wahl und der Entscheidung,
ob er ein eigenes Leben führen will,
ein höchst persönliches Leben in
tiefster Fülle, oder ob er sich zu jenem
falschen, seichten, erniedrigenden Dasein
entschließen soll, das die Heuchelei der
Welt von ihm begehrt.
(Oscar Wilde)

Kommentare :

  1. Schön dass du deine Gedanken mit uns teilst und ich habe beide Situationen vor den Augen bildlich sehen können. Da komme selbst ich ans Nachdenken und vielleicht auch ungerechterweise kann man sich den Grund denken war die Kinder mit der Mutter zerstritten sind. Es braucht eigentlich nicht viel um wirklich glücklich zu sein, Liebe gehört da für mich an erste Stelle, denn alles Geld kann dies nicht ersetzen.

    Liebe Grüsse

    Nova

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  2. Liebe Irmi, das hast Du wunderschön geschrieben! Es hat mich tief berührt, denn darüber denke ich auch oft nach. Weil, gerade vielleicht deshalb weil ich oft Depressionen habe. .... Wenn ich dann mit mir hadere weil es mir schlecht geht, dann führe ich mir immer vor Augen was ich alles habe..... und bin dankbar dafür, dass ich in einem Land leben darf wo Frieden herscht und ich keinen Hunger leiden muß.
    wünsche Dir eine schöne Woche
    liebe Grüße Uschi

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  3. Irmi du hast ein wunderbares Gespür..

    wunderbar hast du diese zwei Seiten dargestellt..

    LG vom katerchen der einen guten Wochenstart wünscht

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  4. Guten Morgen Irmi,

    es gibt viele alte Menschen die unzufrieden sind, obwohl wir keinen keinen Grund erkennen können. Bei der alten Dame wird es vermutlich der fehlende Kontakt zu den Kindern sein, aber ich weiß ja nicht wieso sie sich so verkracht haben. Vielleicht fühlt sie sich auch abgeschoben.
    Auf der anderen Seite die zufiedene Familie. An den beiden Beispielen sieht man wie unterschiedlich unsere Gesellschaft ist. Wir sollten uns mit dem zufieden geben was wir haben und öfter darüber nachdenken ob manche Situation die wir negativ sehen, nicht auch positive Seiten hat.

    Ich wünsche Dir eine schöne Woche.
    Viele Grüße
    Nachtfalke

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  5. Liebe Irmi,

    die alte Dame wird erst zufrieden, wenn sie in Einklang mit ihrer Familie lebt.

    Einen guten Montag wünscht dir
    Elisabeth

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  6. Hallo Irmi,
    ich finde Deinen post nicht zu lang, er ist genau richtig. Gerade gestern habe ich meiner Tochter erklärt, dass es manchen Leuten wohl nicht gut tut, dass es ihnen so gut geht - wenn man die andere Seite nie kennengelernt hat, wird leider auf sehr hohem Niveau gejammert.
    liebe Grüße von Petra

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  7. Es ist bedauerlich, dass nicht alle Menschen es wertzuschätzen wissen, wie gut es ihnen eigentlich geht. "Uns gehts zu gut!", sagte letztens ein älterer Herr zu mir. In gewisser Weise hatte er recht.
    Ich wünsche dir einen guten Wochenstart und: Lesegruppe? Find ich toll!

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  8. guten morgen irmi,
    schön alle facetten des lebens spiegeln zu können, unsere vorteile der erfahrungen.
    zumeist besteht ein freundeskreis auch noch im alter, durch meine besuche in den heimen kenne ich auch die andere seite.
    mancher umkreis wird gemieden weil nicht erträglich.
    als ein älterer herr sich über seinen sohn beschwerte und stolz erzählte: ich bin dann laut geworden...
    hab ich geantwortet: also ebenso?!
    dafür gibt es dann gegenbeweise, wie von dir geschildert.
    ein liebevolle familie aus albanien!
    zufriedenheit auf allen wegen...

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  9. Liebe Irmi,
    zwei unterschiedlichere Situationen hätte es nun wirklich nicht geben können. Ich denke auch oft, daß es uns erst wieder richtig gut gehen wird, wenn es uns mal ganz schlecht ergangen ist. Eine traurige Wahrheit!
    Was mich ganz tief treffen würde, wäre, wenn mein Sohn irgendwann einmal den Kontakt zu uns abbrechen würde. Das ist wohl das allerschlimmste, was Eltern passieren kann. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, daß es immer ein längerer Weg ist, sich von den eigenen Eltern abzuwenden. Mir will das nicht gelingen, wenn ich auch gerne möchte, so bin ich doch immer da, wenn sie rufen.
    Solche Generationenverbundenheit wie Du sie da schilderst, erlebe ich auch oft bei anderen. Das ist für mich wie ein unerfüllter Traum! So sollte es aber normal sein!!!
    Eine schöne neue Woche wünsche ich Dir, Elke

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  10. Alles komplett gelesen.
    Du warst sehr feinfühlig in deinen Handlungen, ich bewundere deine Geduld,hauptsächlich bei der alten Dame.
    Und freue mich, dass du trotz deiner Einstellung, keine privaten Kontakte zu deinen Schützlingen zu pflegen, doch zu der muslemischen Familie gegangen bist.
    Lieben Gruß
    Jutta

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  11. Liebe Irmi,
    du hast wunderschön geschrieben und mir ist wieder bewusst geworden, wie friedlich wir hier leben.
    Ich bin dankbar, dass es uns gut geht.
    Es gibt sehr viele alte Menschen, denen es finanziell gut geht und dennoch meckern sie an allem rum, sie sind einfach unzufrieden
    Ich bewundere deine Engelsgeduld und ob ich das so könnte, bezweifele ich.
    Liebe Grüße und einen schönen Tag.
    Tilla

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  12. Da kann ich Dir gut nachfühlen, liebe Irmi. Alte kranke Menschen, die zudem noch Probleme mit der eigenen Familie haben, können sehr schwierig sein. Wenn dann nur negative Botschaften kommen, kann das überaus anstrengend werden. Ich ziehe mich in solchen Fällen dann auch für eine Zeitlang zurück. Man muß auch ein wenig an sich selbst denken.

    Liebe Grüße auch hier
    Sara

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  13. Oh ja, solch Nörgelliese kenne ich auch. Wie viel einfacher würde sie es sich machen, wenn sie begreifen würde, daß sie selbst der Wegversperrer zu "ihrem persönlichen Glück" ist.

    Liebgruß,
    Tiger
    =^.^=

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  14. Liebe Irmi,
    was für ein schöner und interessanter Post! Ich finde es ganz wunderbar, wie Du Dich für andere Menschen einsetzt! Das Problem ist, dass sich die Dame im Stift nie mehr ändern wird, vermutlich wird alles nur mehr schlimmer werden. Kein Wunder, ist sie mit der Familie zerstritten. Ich bin auch für den Vorschlag, sich für eine Weile zurückzuziehen. Man wird psychisch von solchen Menschen derart heruntergezogen. Wie schön, dass Du von der afghanischen Familie so toll aufgenommen wurdest! Emigranten sind immer sehr gastfreundlich. Die Zeilen von Oscar Wilde stimmen nachdenklich und passen perfekt.
    Viele liebe Grüße,
    Mella

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  15. Das war ein echtes Kontrastprogramm, liebe Irmi, und nicht einfach zu verarbeiten. Als ich über die ältere Dame las, da dachte ich mir, vielleicht musst du einmal so sein wie sie - so sprechen, wie sie - alles schlecht machen - ihr quasi den Spiegel vorhalten. Vielleicht müsstest du ihr aufzeigen, wie dass für dich ist, wenn du deine freie Zeit für sie 'opferst' und du dann nur ihre Nörgelei ertragen musst. Vielleicht solltest du ihr sagen, dass du nicht mehr kommen möchtest, wenn sie die Nörgeleien nicht einstellt. Vielleicht sollte ich mich aber aber gar nicht einmischen, denn ich kenne die Situation viel zu wenig, doch diese Gedanken kamen mir und deshalb schreibe ich sie dir. Schön, dass du einen so tollen Nachmittag miterleben durftest. Das war bestimmt bereichernd. Einen schönen Tag für dich! Martina

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  16. Liebe Irmi,

    ob der alten Dame jemand die Augen öffnen kann....damit sie erwacht...um zu sehen das es an ihr ebenso liegt wenn sie sich unzufrieden fühlt.
    Natürlich gibt es zu allem einen Ursprung...doch es liegt in unserer eigenen Hand wie wir damit umgehen wollen. Und oft können manche nicht über ihren "Schatten" springen....sind nicht in der Lage den ersten Schritt zu tun.
    Selbsterkenntnis, Vergebung und vorallem Liebe....wirken Wunder um diesen Schritt zu gehen.

    Du lebst wahrlich die Menschenliebe....Kulturen hin oder her....Nörgler/innen hin oder her....du siehst den Menschen. ♥

    Ganz liebi Grüessli
    Julia

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  17. Deinen Bericht kann ich gut verstehen! Eben habe ich meine sizilianische Schwägerin mit ihrem Ehemann zu Besuch. Die haben ganz andere Prioritäten als sie hier in Deutschland üblich sind. Es herrscht eine Herzlichkeit vor, die uns hier fast abhanden gekommen ist. Es sind 2 gebildete Leute jenseits der 50. Das Wichtigste war ihnen unsere Enkelkinder zu sehen, auch den Rest der Familie. Wir haben einiges mit ihnen unternommen, es gab kein Nörgeln, wie es manchmal bei uns zu beobachten ist. Harmonische, zufriedene Tage waren das.

    Das Problem der alten Dame liegt sicher daran, dass sie den Kontakt zu den Kindern vermisst, aber keinen Schritt auf diese zugehen möchte. Ob sich das ändern kann?

    Liebe Grüße, Brigitte

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  18. Liebe Irmi,

    wieder einmal habe ich einen Post von dir mit Interesse gelesen. Ich schätze es, wie du mit Fingerspitzengefühl an Dinge herangehst und dir Gedanken machst.

    Es tut mir leid, dass die alte Dame keinen Kontakt zu ihrer Familie hat, wobei man das im gewissen Grade nachvollziehen kann, wenn sie an allem herumnörgelt. Ob sie jemals aus diesem Kreislauf herauskommen wird?

    Nachdenkliche Grüße

    Anke

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  19. ....bewundernswert, liebe Irmi,
    dass du alles stehen und liegen lässt, um dieser Dame eine Freude zu machen, was sie wirklich nicht würdigen kann...ich wünsche, dass immer Jemand da ist, wenn du selber solche Zuwendung brauchst...
    das Leben ist wohl schöner und leichter, wenn man für die kleinen dinge dankbar sein kann und sie nicht als selbstverständlich sieht...

    lieber Gruß Birgitt

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  20. Ein wunderbarer Post voller Gegensätze liebe Irmi, auf der einen Seite die Dame im Stift, die unzufrieden ist mit sich und allen Mitmenschen. Auf der anderen Seite die ♥ lichkeit der Familie, die glücklich ist in unserem Land ein neues zu Hause gefunden zu haben.
    Ich freue mich das du die Einladung angenommen hast. Einblicke in ihr Leben und die Gastfreundlichkeit sind schon etwas besonderes.

    Liebe Abendgrüße
    Angelika

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  21. Schönes kleiner Bericht, das öffnet einem selbst immer wieder die Augen. Man sollte seinen Mitmenschen stets wertschätzen :)
    Liebe Grüße,
    Kate ♥

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  22. Liebe Irmi,
    bei deiner Schilderung der alten Dame musste ich unwillkürlich an mene Mutter denken - nicht so, wie sie früher war und auch nicht so, wie sie jetzt ist, sondern wie sie während der vergangenen zwei Jahre bis zum letzten September war. Meine Mutter hatte - wie wir alle - immer so ihre Macken, aber sie wirkte nie negativ und nörglerisch, sondern eher bestimmend (in meiner Kindheit haben wir irgendwie alle nach ihrer Pfeife getanzt und dann tanzte mein Vater allein weiter für sie ;o)). Als sie dann nach einem Sturz selbst die Entscheidung traf, in ein Pensionistenheim zu ziehen, hatte sie ursprüglich vielleicht (trotz Besichtigung des Heimes) andere Vorstellungen vom Heimleben gehabt. Es war bald kaum mehr zu ertragen, mit ihr zu telefonieren oder sie zu besuchen, denn in dem Heim war ALLES schlecht - die anderen Insassen waren "lauter bösartige alte Weiber" (was nicht stimmte) oder "schon völlig daneben", das Essen schlecht, die Heimleitung unfähig etc. Einzig und allein Bingo und "russisch Kegeln" (die Kugel hängt an einer Schnur über den Kegeln) machten ihr Spaß, denn da konnte sie sich noch irgendwie beweisen und da machten auch ein paar Heimbewohner mit, die in ihren Augen noch nicht völlig verkalkt waren, aber darüber wollte sie mit meinem Bruder und mir nicht so gerne sprechen und auch über sonst nichts, was vielleicht nett sein könnte - wie mal an einem Ausflug des Heims teilnehmen - , sondern lieber über ihre Krankheiten und über alles, was nicht schön war. Mir fiel auf, dass meine Mutter im Heim auch ihr Leben etwas "beschönigt" hatte, um damit ein bisschen vor den anderen anzugeben - was vermutlich nicht so gut ankam, wie Mutter sich das gewünscht hatte. Sie wollte mehr scheinen als sein, und damit schadete sie sich selbst. Wir haben sie natürlich trotzdem besucht und mit ihr telefoniert, weil wir davon ausgingen, dass sie zum einen wohl schwer mit dem Alleinleben nach dem Tod meines Vaters und mit dem Älterwerden zurechtkommt und das damit zu kaschieren versuchte, dass sie sich quasi über die anderen stellte, indem sie die schlecht und sich "besser" machte... und dass manche Persönlichkeits-Veränderungen wohl Folgen des Sturzes und der Kopfverletzungen waren, die sie im Jänner 2012 erlitten hat. Und man kann sagen, nach dem zweiten schweren Sturz meiner Mutter im September 2013 hat sich ihre Persönlichkeit abermals verändert. Meine Mutter ist jetzt etwas, was sie NIEMALS war: Sie ist duldsam. Sie erträgt ihr Schicksal. Sie sieht alles gelassen. Früher wäre es unvorstellbar und unterträglich gewesen, meine Mutter an den Rollstuhl oder ans Bett gefesselt zu sehen, doch das alles scheint ihr nichts mehr auszumachen: So ist es halt. Und daher denke ich mir manchmal, dass meine Mutter vielleicht noch eine Lektion in Gleichmut zu lernen hatte...
    In jenen Ländern und Kulturen, die wir z.B. in Indien kennengelernt haben oder aus denen Fatima kommt, ist Gleichmut und Duldsamkeit etwas, das die Menschen bereits von Kindheit an vermittelt bekommen. Da wird einem von vorn herein vermittelt, dass es nicht gut ankommt, wenn man versucht, sich über andere zu stellen - es sei denn, man kommt aus einer "Herrscherfamilie", dann darf man das. Aber bei uns wollen offenbar schon ALLE (oder viele) Herrscher sein, und dadurch entsteht viel unnötiger Zwist...
    Ein sehr zum nachdenken anregender Post war das, liebe Irmi!
    Alles Liebe und schöne April-Tage,
    Traude
    Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ♬ ☂ ✿ ☼ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ♬ ☂ ✿ ☼ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ♬ ☂ ✿ ☼ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ♬ ☂ ✿ ☼ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ

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  23. Liebe Irmi,

    wunderbar hast Du diese beiden Situationen und Deine Gedanken geschildert. Es mache einen wirkich nachdenklich und man sollte sich wieder vor Augen führen wie gut es einem doch hier in diesem Land geht und wie dankbar manchen Menschen sind hier auf engstem Raum leben zu dürfen. Ich finde es sehr schön dass Du die Einladung angenommen hast und so einen Einblick in diese Kultur und Familie bekommen hast. Ich kann mir gar nicht vorstellen auf Dauer mit meiner Familie zerstritten zu sein. Ein schrecklicher Gedanke.

    Herzliche Abendgrüße
    Kerstin

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  24. Ja, liebe Irmi, da sieht man mal wieder... Geld ist nicht alles. Was zählt sind Menschen die man mag und die einen mögen.
    Schön ist, dass du die Einladung am Nachmittag angenommen hast und das Kissen war ganz sicher das richtige Geschenk.
    So ist wieder ein Ausgleich entstanden. Würde mich doch interessieren, ob man so ein Kopftuch schenken darf.
    Ich wünsche dir einen schönen Abend.
    Herzlichst Rita

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  25. Liebe Irmi,
    ich bewundere deine Posts, die so einfühlsam und ehrlich dargestellt werden.
    Die alte Dame kann ich schon einwenig verstehen,
    da in unserer Familie auch viele Streitereien sind, vor allem seit dem Tod meiner Eltern.
    Bei der Schwiegermutter ist es auch ähnlich, sie hat Geld, aber zerstreitet sich mit ihren 2 Kindern,
    zudem macht sie riesige Unterschiede bei den Enkeln, so dass sie die einen großzügig beschenkt
    und den anderen noch nicht mal alles Gute wünscht.
    Mich macht das sehr Traurig, da unsere Kinder die anderen sind.
    Vor allem wird uns immer gesagt, was die einen wieder bekommen haben.
    Das muß ich mir nicht antun und vermeide daher die Besuche, mir geht es dadurch viel besser.

    Was ich nicht weiß
    macht mich nicht heiß.

    Liebeste GRüße
    Nähoma

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  26. Liebe Irmi, Du bist ein Schatz! Ich bewundere Dich so oft.
    Ein nachdenklich machender Post!
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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  27. Ein wunderbarer Exkurs. Ja, ich muß mich auch oft wieder daran erinnern, dass ich einem wunderbaren Land lebe, wo ich keine Angst haben muß und meine Persönlichkeit entwickeln kann, wie es mir beliebt. Dankbarkeit - muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen. Ich finde es schade, dass viele Menschen nicht erkennen, wie gut es Ihnen geht. Aber vielleicht haben sie ein Stück Glas im Auge (ich liebe die Schneekönigin von Hans Christian Andersen). Dir eine gute Woche, Inge

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  28. Liebe Irmi,
    das ist ein sehr berührender Post. Die Freundlichkeit und die Gastfreundschaft der afghanischen Familie haben Deine schlechte Stimmung, die Du verständlicherweise nach dem Besuch bei der alten Dame hattest, vertrieben. Ich denke mir, dass jeder sich selber das "Bett" bereitet, in dem er liegt. Die Einsamkeit mancher älterer Menschen kommt nicht von ungefähr. Wenn man sein Leben lang an allem und jedem etwas auszusetzen hat, ist man irgendwann alleine. Wenn man sein Herz beizeiten öffnet und anderen freundlich begegnet, bekommt man das auch zurück. Ich bewundere Deinen Gleichmut und Deine Ausdauer, dass Du sie trotzdem besuchst.
    Lieben Gruß von Sabine

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  29. ja, Irmi, es ist wirklich ein sehr berührender Beitrag gewesen. Was bleibt im heutigen Dasein der WERTe von Wertschätzung übrig. Ist sie überhaupt noch vorhanden und wird sie gelebt. Themen über die man gut philosophieren könnte.

    dir einen schönen Abend, liebe Irmi,
    egbert

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  30. Liebe Irmi,
    eine bewegende Geschichte und so reich an Gefühlen. Gefühle die ein breites Spektrum abdecken! Das ist doch ganz toll, was Du erlebst und hier berichtest. Toll finde ich es vor allem, weil Du Dich dafür öffnest sowohl in die eine Richtung, zu der alten Damen als auch und die andere Richtung zu der muslimischen Familie. Mit Oscar Wilde's Spruch noch alles auf den Punkt gebracht. Das Leben ist so bunt, man muss nur die Farben zulassen!

    Ich wünsche Dir eine gute Nacht.
    Herzliche Grüßle von Heidrun

    PS : Meinen gestrigen Kommentar konnte ich nicht absetzen, der Computer hatte anderes zu tun ....

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  31. Großes Kompliment an dich, liebe Irmi, wie sehr du dich für andere Menschen, die dir ja eigentlich egal sein könnten, einsetzt. Sie sind dir aber nicht egal, weil es zu deiner Lebensphilosophie gehört, zumindest empfinde ich es so, die Welt menschenwürdiger zu machen.
    Du erlebtes Stunden der Gegensätze zweier unterschiedlicher Kulturen und man fragt sich schon, woher kommt es, dass jemand, der eigentlich alles hat, unzufrieden ist und die anderen Menschen einfach dankbar sind für das Wenige, was sie haben.
    Wer weiß, wie diese Dame sich verhalten würde, hätte sie noch Kontakt zu ihrer Familie, aber der Altersstarrsinn hält sie wohl davon ab, einen Schritt auf sie zuzugehen. Einsamkeit bringt Verbitterung,daher auch Ihr Klammern dir gegenüber.

    Liebe Grüße schicke ich dir und wünsche dir eine gute Nacht
    Christa

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  32. Liebe Irmi, ich habe deine sehr kontrastreichen Erlebnisse mit großem Interesse gelesen und gedacht: was für ein reiches Leben du doch hast. Reich in dem Sinne, dass du vielfältige Aspekte des menschlichen Daseins erfährst. Und diese deine Erfahrung macht dein Blog so anziehend.
    Herzlichst
    Astrid

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  33. Dein Artikel war sehr interessant. Ich habe die ganze Sache.gelesen und verstanden.

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  34. Liebe Irmi,
    Indertat; zwei ganz verschiedene Welten in ein halber Tag so erleben zu müssen stimmt zum nachdenken!
    Die zufriedenheit und damit auch das Glückliche zusammen sein von den drei Generationen spricht von warer Reichtum! Seelige Reichtum und die Frau die immer meckert und andere mit nach unten ziehen will, weil sie deprimiert ist, die ist geistlich sehr arm und hat kaum noch Freunde um sich her.
    Ganz liebe Grüsse,
    Mariette

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  35. Das ist ein wundervoller Post. Und du bist ein wundervoller Mensch, weil du diese Sachen tust und uns darüber erzählst. So wird die Welt (vielleicht ganz langsam) zu einem besseren Ort.
    Liebe Grüße,
    Markus

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  36. Liebe Irmi, diese Deine kostbare Zeit verwendest ( upps, ich hatte doch tatsächlich geschrieben verschwendest Du, so weit will ich aber nicht gehen) für eine nörgelige, alte Frau, die ihr Leben gelebt hat und sich es so eingerichtet hat, wie es jetzt nun mal ist. Jede Minute Deiner Beschäftigung mit den Kindern in Deiner Lesegruppe ist wertvoll und macht Sinn und zieht weite Kreise . Was Du da alles bewirkst ist enorm. Deine noch vorhandenen Kräfte noch lange dafür einsetzen können, das wünsche ich Dir. Aber auch mal an Dich denken und keinen Stress aufkommen lassen. Von wegen, die alte Dame wollte Dich sehen :-) , Du warst doch schon verabredet. Herzliche Grüße von Claudia.

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  37. Liebe Irmi (◠‿◠),
    wie / in welcher Art betreust die alte(n) Dame(n)? und hängt das mit dem Stift zusammen oder mit einer anderen Organisaion / Intention? Vielleicht ist die nörgelnde Dame auch unglücklich, dass sie in einem Heim leben muss.
    ~ • ♥ • ~
    Bei uns habe ich oft die Türken für ihre Lebenslust und Herzlichkeit bewundert. Sie leben - und früher war das viel schlimmer - auch in kleinen Verhältnissen und haben vielfältige Probleme, die sich in einem fremden Land noch potentieren.

    Eine schöne Restwoche wünscht Dir Wieczora (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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Ich freue mich über jeden Kommentar und möchte mich auf diesem Weg recht herzlich dafür bedanken. Kommentare sind wie das Salz in der Suppe. Ohne fehlt sehr viel.