Montag, 28. April 2014

Dies und Das und unsere eigenen Möglichkeiten

Theodor Fontanes Tochter Martha (1860-1917), liebevoll Mete genannt,war eine kluge Frau.vielseitig interessiert und gebildet. Die Tochter des berühmten Romanciers absolvierte das Königliche Lehrerinnenseminar und arbeitete als Lehrerin und Erzieherin. Schon früh wurde sie zur scharfsinnigen Gesprächspartnerin ihres Vaters, die das komplette gesellschaftliche Leben der Fontanes managte. Metes Dilemma lag in ihrer uneingeschränkten Bewunderung für ihren Vater, dessen Lieblingskind sie war und für den sie lebte  -  nicht für sich selbst. Trotzdem schrieb sie mit 24 Jahren einen bemerkenswerten Brief an ihren Vater:
"Ich bin nicht unzufrieden, im Gegenteil, aber ich würde mir gerne  meiner geistigen und herzlichen Fähigkeiten lebhafter bewusst,  - ich habe das Gefühl eines Menschen, der Klavier spielen kann, aber kein Klavier hat."
Mete hatte erkannt, dass sie in der Gefahr stand, über ihren Aufgaben und der bedeutenden Persönlichkeit ihres Vaters sich selbst zu vergessen. Ihre eigenen Fähigkeiten. Ihr authentisches Selbst. Ihre Kreativität. Vielleicht kennen wir das Gefühl ja selbst. Eingespannt in Aufgaben und Fürsorge für andere ist kein Platz für das  "Klavierspielen". Obwohl wir es in uns tragen und davon träumen. Dieses Gefühl zeigt uns, dass uns die Treue zu uns selbst fehlt. Und dabei gibt es doch so etwas wie eine Pflicht der Seele gegenüber den eigenen innersten Wünschen Loyalität zu bekunden. Wir müssen uns dann dem inneren Drängen öffnen. Dieses Drängen und Sehnen stammt von unseren noch unentfalteten Möglichkeiten. Wir sollten dann dem Ruf folgen. Irgendwo steht das  "Klavier", auf dem wir eine neue Melodie beginnen können und dürfen.
Es passiert oft, dass gerade die Mädchen voller Ehrfurcht zu ihrem Vater aufschauen und ihm nacheifern möchten. Das sollte früh genug unterbunden werden, damit man sich eigenständig entwickeln und entfalten kann.
Fontane hat diese bedingungslose Bewunderung genossen und das auch immer wieder zum Ausdruck gebracht.

Und hier eines meiner Lieblingsgedichte von Theodor Fontane:

Tröste dich, die Stunden eilen,
Und was all dich drücken mag.
Auch das Schlimmste kann nicht weilen,
Und es kommt ein andrer Tag.

In dem ew'gen Kommen, Schwinden,
Wie der Schmerz liegt auch das Glück,
Und auch heitre Bilder finden
Ihren Weg zu dir zurück.

Harre, hoffe! Nicht vergebens
Zählest du der Stunden Schlag:
Wechsel ist das Los des Lebens,
Und - es kommt ein andrer Tag.

Theodor Fontane
(1819 – 1898)



Kommentare :

  1. Wunderschön Irmi ich liebe es wen ich bei dir so schöne Gedichte lesen darf .lg galina

    AntwortenLöschen
  2. Ein schönes Gedicht - fürwahr! Ja, unsere Seele zupft an uns, wenn wir nicht unseren Weg gehen. Ich glaube, viele Krankheiten wären nicht vonnöten, würden wir dieses Zupfen ernster nehmen. Ein toller Post! LG und einen schönen Sonntag! Martina

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Irmi,
    als Kind schrieb ich mal in einem Aufsatz *Mein Vater ist allwissend.* Wenn er nicht viel von mir weiß, das aber hat er behalten! Es dauerte viele Jahre, bis ich begriff, daß er nicht der ist, für den ich ihn hielt. Das brachte mir wohl das Erwachsenwerden, vor allem das Elternsein. Vorher war man doch immer eher Kind und die Eltern stellt man selten in Frage.
    Das Erkennen ging nicht ohne Blessuren auf beiden Seiten vonstatten.
    Liebe Irmi, ich wünsche Dir einen schönen Sonntag. Der gemeldete Regen ist hier angekommen. Es wird bei uns wohl ein gemütlicher *Im-Haus-Sonntag* werden. Liebe Grüße, Elke

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Irmi,
    was für ein wundervoller Post und ein sehr schönes Gedicht von Fontane! Die Aussage mit dem Klavier hat mir ganz speziell gefallen - ist es auch nur eine Metapher - wollte ich doch als Kind immer Klavierunterricht, den mir meine Eltern verweigerten. Als Erwachsene habe ich mir diesen Wunsch erfüllt, zuerst in der Schweiz. Leider musste ich durch den Umzug mein Klavier dort verkaufen, aber auch hier habe ich vor drei Jahren mein Traumklavier gefunden. Zwar nehme ich keinen Unterricht, aber ich liebe es, mich hin und wieder ans Klavier zu setzen und zu spielen und zu üben. Soviel Zeit muss im Alltag sein, damit man wieder gestärkt - durch eine Tätigkeit, die man liebt - durchstarten kann............
    Viele Grüße,
    Mella

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Irmi,

    es ist schön, wenn man gute Eltern hat und zu ihnen aufschauen kann.
    Das trägt und prägt das Leben.

    Alles Liebe
    Elisabeth

    AntwortenLöschen
  6. Liebe Irmi,
    ich kann leider nicht so über meine Eltern berichten,
    obwohl ich sie bestimmt sehr gerne gehabt habe.
    Bei uns zuhause wurde sehr viel geschlagen
    und der andauernde Streit unter den Geschwistern hat mich sehr geprägt,
    ich bin sehr Harmoniebedürftig und wahnsinnig Gerechtigkeitsliebend.
    Ungerechtigkeiten kann ich garnicht vertragen und bei meinen Kindern lege ich auch sehr viel Wert darauf.
    Das Gedicht ist wunderbar.
    Ich wünsche dir einen erholsamen Sonntag und bei uns ist der ersehnte Regen auch angekommen,
    so daß die Pflanzen wieder wachsen können.
    Liebe Grüße
    Nähoma

    AntwortenLöschen
  7. Danke für dieses Gedicht zur rechten Zeit, liebe Irmi!
    Ich klammere mich derzeit auch an die Gewissheit, das ein andrer Tag kommt, denn die Situation der alten Eltern hat eine neue Zuspitzung erfahren.
    Und es fällt mir schwer, meine eigenen Interessen zu vertreten, und morgen mein Gesuch auf Versetzung in den Ruhestand abzugeben, denn ich lasse ja meine Arbeit, die Kinder, die Kollegen im Stich und fühle mich schlecht dabei. Doch es gibt viele Signale, dass das für mich notwendig ist.
    Es grüßt dich herzlich
    Astrid

    AntwortenLöschen
  8. ...Erfurcht und Bewunderung lassen die eigenen Möglichkeiten nicht hoch kommen - aber auch Zaudern und Faulheit sind nicht zu verachtende "Geschwister" von Ersteren.
    Schönen Sonntag,
    Luis

    AntwortenLöschen
  9. wunderbar die situation erfasst und erzählt...
    es reizt mich nun eine biographie zu lesen!
    lg kelly
    ps: sorry - myblog hatte totalausfall.

    AntwortenLöschen
  10. Liebe Irmi,

    das hast du sehr gut zum Ausdruck gebracht! Wir müssen darauf achten, dass wir vor lauter Eingehen auf andere nicht unser Selbst vergessen.

    Schönen Sonntag und lieben Gruß, Brigitte

    Nachtrag: Irmi, es hat sehr gut geklappt! Und er wollte dich, mein Blog.

    AntwortenLöschen
  11. Sehr gut beschreiben liebe Irmi, es gibt immer wieder Menschen, die ihrem Vorbild nacheifern und das eigene ich vergessen.

    Wünsche dir noch einen schönen Abend
    liebe Grüße
    Angelika

    AntwortenLöschen
  12. Liebe Irmi, zum Glück haben wir die Schulpflicht.
    So lernen die jungen Leute sich selbst kennen - meistens.
    Solch ein dominanter Vater kann schon gefährlich sein, das ist wahr.
    Das Gedicht ist wunderbar.
    Dir alles Gute für die neue Woche
    Bärbel

    AntwortenLöschen
  13. ein Vorbild ist gut Irmi..nur man sollte keine Kopie werden
    LG vom katerchen der einen guten Start in die Woche wünscht

    AntwortenLöschen
  14. Hallo, liebe Irmi,
    ein sehr informativer Beitrag.
    Es ist wirklich wichtig, dass wir uns bei all unserer Fürsorge nicht selbst vergessen, denn unser Klavier habe wir bestimmt wirklich alle.
    Ganz liebe Grüße!☺

    AntwortenLöschen
  15. Hallo Irmi,
    ich glaube mein Klavier ist zur Zeit mein Blog, hihi!
    LG Heidi

    AntwortenLöschen
  16. Liebe Irmi,
    Schöne Geschichte und Gedicht mit wertvoller moralischer Bedeutung.
    Liebe Grüsse,
    Mariette

    AntwortenLöschen
  17. Liebe Irmi,
    ein wahrhaftiger Beitrag ... Wie selbstverständlich ist uns Frauen heute manches, was zu der damaligen Zeit von Mette als unmöglich, als unsittlich etc. gegolten haben mag. Umso kraftvoller, bedeutsamer ihr Versuch, ihren eigenen Weg finden zu wollen. Danke für diese Geschichte, den Vers.

    Hab' einen guten Start in die neue Woche
    Herzliche Grüßle von Heidrun

    AntwortenLöschen
  18. Liebe Irmi,

    das ist wieder ein Beitrag, der deinen Blog so lesenswert macht. Du findest stets Themen, die zu Herzen gehen, die zum Nachdenken anregen wie auch dieser hier.
    Mette hat erkannt, dass tief im Innern etwas fehlt, etwas, was ihr eigenes ICH ausmacht und das sollten wir nie aus dem Auge verlieren.:-)

    Ganz liebe Grüße und vielen Dank für all deinen lieben Zeilen auf meinem Blog.:-) Hab eine schöne neue Woche! :-)
    Christa

    AntwortenLöschen
  19. Ich weiß nicht, was heute mit Blogger wieder los ist.....grummel. Heute gibt es so viele Probleme beim Absenden der Kommentare.
    Mein eben geschriebener Kommentar nudelte und nudelte bei dir herum und dann bekam ich plötzlich die Meldung, dass die web-site nicht mehr zur Verfügung ist.
    Aber der Kommentar ist dann wohl doch veröffentlicht worden.

    Also....liebe Irmi, nochmals ganz liebe Abendgrüße an dich
    Christa

    AntwortenLöschen
  20. Liebe Irmi,
    ich gebe Dir so recht, man sollte sein "Klavier" suchen. Vielleicht steht es irgendwo ganz nahe und man sieht es nur nicht. Oder man muß eine Hausecke weiter schauen. Manchmal reicht aber auch eine Blockflöte. Ich selber suche noch, ob Klavier oder Blockflöte, Nähmaschine oder Reisekoffer ist noch nicht raus.
    Lieben Gruß von Sabine

    AntwortenLöschen
  21. Liebe Irmi,

    Natürlich hat Fontane das genossen. Er hat seiner tochter allerdings nicht de Möglichkeit geboten, ihre eigenen Interessen auszuleben.
    "Moderne" Eltern nachen sowas nicht. Jeder Mensch sollte die Möglichkeit bekommen. Es muss ja nicht immer ein Klavier sein. Wie Sabine schon sagte, eine Blockflöte reicht auch.
    LG Sabine

    AntwortenLöschen
  22. Du findest immer so schöne Themen und Gedichte :-)
    Bei dir isses auch schön!
    Ich wünsch dir einen angenehmen Tag :-)
    Liebdrück Eva

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über jeden Kommentar und möchte mich auf diesem Weg recht herzlich dafür bedanken. Kommentare sind wie das Salz in der Suppe. Ohne fehlt sehr viel.