Mittwoch, 19. April 2017

Grabeland und Stoppeln



1946 - der Krieg war zu Ende, aber die Verpflegung war nicht gesichert. Mal gab es die notwendigen Lebensmittel, mal nicht. Da waren die Familien froh, die über ein so genanntes Stück  "Grabeland"  verfügten.
In den Städten waren das Landstücke, die halfen den Eigenbedarf an Kartoffeln und Gemüse zu decken. Ehemalige Schrebergärten oder auch ein einfaches Stück Land hinter Ruinen. Jede Möglichkeit wurde genutzt . Auf dem Land bestand die Möglichkeit, vom Bauern ein vom Ackerland zugewiesenes Stück zur eigenen Bewirtschaftung zu erhalten.
Es gab aber auch noch eine andere Möglichkeit, an Getreide und Kartoffeln und andere landwirtschaftliche Produkte zu kommen. Das  "Stoppeln". Unter Stoppeln verstand man die Nachlese von schon abgeernteten Feldern. Viele Bauern genehmigten das. Wo es nicht genehmigt war, haben wir es im Halbdunkel des Abends  trotzdem getan.
Bei der Ernte von Getreide fallen immer auch Ähren auf die Erde. Diese wurden aufgelesen und in einem umgehängten Sack gesammelt. Ob es nun Weizen oder Roggen war, spielt keine Rolle. Das Ergebnis der Sammlung war ein hochwertiges Mehl.
Bei den Kartoffeln war es ähnlich. Man konnte immer welche finden. Entweder sie mussten aus der Erde gegraben werden, wenn nicht tief genug gepflügt worden war oder aber es waren leicht durch das Pflugmesser beschädigte Kartoffeln. Das spielte aber keine Rolle. Man konnte sie immer, ausreichend für mehrere Mahlzeiten, finden.
Und wenn ich mich zurück erinnere: Es hat uns Kindern auch Spaß gemacht. Wir sahen das alles mit anderen Augen - und es gab etwas zu Essen.


Die Kartoffel
Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde,
du Ungleichrunde,
du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,
du Vielgequälte,
du Gipfel meines Entzückens.
Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens,

Mit der Gabel - sei stark!
Ich will auch Butter und Quark
Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen.
Musst nicht gleich so ängstlich dampfen.
Ich möchte dich doch noch einmal erfreu'n.
Soll ich den Schnittlauch über dich streu'n?

Oder ist dir nach Hering zumut?
Du bist ein rührend junges Blut.
Deshalb schmeckst du besonders gut.
Wenn das auch egoistisch klingt,
so tröste dich damit, du wundervolle
Pellka, dass du eine Edelknolle
Warst, und dass dich ein Kenner verschlingt.
 Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Kommentare :

  1. Wieder was gelernt, denn den Begriff Grabeland habe ich heute das erste Mal gehört. Kann nicht mehr sagen wo aber ich habe auch mal einen Bericht gesehen das in einigen Grossstädten in D. auch wieder solche Möglichkeiten geplant sind, also selbst anbauen zu können oder auch von Dachgärten die jetzt zur Selbstversorgung genutzt werden. Finde ich gut.

    Bei Kartoffeln muss ich immer gleich daran denken das hier noch "altgewährt" geplanzt und auch geernet wird. Geht halt nicht anders bei den hügeligen Bedingungen. Keine Möglichkeiten für die heutigen riesigen Erntemaschinen.

    Dir einen schönen Tag und viele Grüsse

    N☼va

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  2. Guten Morgen Irmi,
    was du erzählst, erinnert mich ein bisschen an deas Erzählen meiner Omi...
    Und Kartoffeln liebe ich auch sehr. Manchmal bauen wir welche im Garten an, je nachdem, wieviel Platz noch ist.
    Liebe Grüße!

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  3. Guten Morgen, meine liebe Irmi,
    auch ich kenne diese Geschichten von Erzählungen meiner Oma und Mama, und ich war selber auch schon stoppeln ( mit Erlaubnis vom Bauern!):O) Man konnte sich vorstellen, wie das damals war und die Kartoffeln, ja, die schmeckten danach besonders gut!
    Dsa Gedicht von meinem lieben herrn Ringelnatz ist köstlich, dieses hier kannte ich noch gar nicht! Vielen Dank für diesen wunderbaren und wertvollen Post!
    Ich wünsche Dir einen freundlichen Wochenteiler!
    ♥ Allerliebste Grüße und einen herzlichen Drücker, Deine Claudia ♥

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  4. Das Gedicht ist wieder toll.
    Danke und liebe Grüße

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  5. Meine Mutter hat das auch erzählt, liebe Irmi. Ich habe sie dafür bewundert. Denn wir wären ja nie auf die Felder des Nachbarn gegangen, um zu stehlen und doch waren die Erzählungen meiner Mutter nicht Diebstahl, sondern ein Ausdruck von echter Not und unglaublichem Mut. Nie hätten wir meine Großmutter, die meine Mutter und ihre Schwester auch zum Betteln geschickt hat, verurteilt. Denn auch hier waren es Mut und Überlebensstrategien.
    Liebe Grüße und ganz lieben Dank für deinen Besuch
    Angelika

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  6. Neue Kartoffeln, inzwischen importiert...
    Liebe Irmi,
    alles kein Problem mehr, doch wir können uns noch erinnern an die damaligen *schlechten Zeiten*.
    Der Ringelnatz ist herrlich, ich wird gleich mal nachsehen in welcher Zeit das Gedicht entstanden ist.
    Herzliche Grüße!

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  7. Irmi das GEDICHT..toll
    ja man war FROH wenn es etwas gab..und ehrlich..auch HEUTE ist eine Kartoffel mit Quark und Schnittlau LECKER
    mit einem Lg vom katerchen

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  8. Ja, für Kinder gab es noch lange in die junge Bundesrepublik hinein vielerlei Aufgaben auf Feld und im Garten... man war aber dabei immer in Gesellschaft. Und das war gut so.
    GLG
    Astrid

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  9. Liebe Irmi,
    ich gehöre ja noch zu der Generation die das alles noch miterlebt hat. Wir wurden als Flüchtlinge zum Glück aufs Land verwiesen und hatten da mehr Möglichkeiten an Essen zu kommen als Stadtleute. Zudem wohnten wir noch auf einem Bauernhof, da fiel hin und wieder mal was ab. Mein Vater bekam ein Stück Wiese zugewiesen, er hat es mühsam umgestochen, um Ackerland zu gewinnen, von da ab gings bergauf. Zum Stoppeln war ich nicht geboren, ich hatte keine Lust dazu, mein Beitrag zur Lebenserhaltung war sehr mässig, mein Hunger dagegen sehr groß.
    Liebe Grüße
    von Edith

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  10. Liebe Irmi,

    das Gedicht von Ringelnatz finde ich köstlich. Was er nicht für tolle Rezepte darin vereinigt.
    Nun zum stoppeln. Als Kinder mußten wir auch stoppeln gehen, aber nicht für uns. Die hat die LPG bekommen. Ganze Klassen mussten in den Herbstferien aufs Feld um die Reste ein zu lesen. Selbst noch, als ich in der Lehre war, wurden wir zum stoppeln geschickt.
    Kennst du das Projekt, Tafelgärten? Da werden arbeitslosen Menschen für eine gewisse Zeit, die Gärten angeboten um dort eine sinnvolle Tätigkeit ausüben zu können. Die Ernte wird der Tafel zur Verfügung gestellt. So kommt alles den armen Menschen zu Gute.

    Hab einen schönen Tag
    LG Paula

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  11. Liebe Irmi,
    das Gedicht von Ringelnatz ist, wie immer, einfach wunderbar.
    Diese Zeit kenne ich nur aus den Erzählungen meines Vaters. Er und seine Mutter, der Vater war noch in Gefangenschaft, haben richtig hunger gelitten und waren froh, wenn sie etwas auf den Feldern finden konnten.
    Ich wünsche Dir eine schöne Woche.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

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  12. Moin liebe Irmi,
    das Gedicht ist klasse :-). Meine Grosseltern habe beide Krieg erlebt, von daher kenne ich das aus ihren Erzählungen. Gwbe Guott, daß der Trump keinen 3. Weltkrieg anzettelt :-(.
    Nachdenkliche Grüsse Helga

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  13. Guten Morgen Irmi!
    Meine Eltern und meine Oma haben mir viel erzählt aus dieser Zeit. Ich bin ja ein Kind der 60er und habe das nicht mehr selbst mitbekommen. Aus den Erzählungen meiner Familie hörte man immer heraus, welche Not sie manchmal litten, aber immer auch die Freude über das Beisammensein, über die Mahlzeiten, die sie auf manchmal abenteuerliche Weise zusammen bekommen hatten, und über die Tatsache, dass der Krieg vorbei war.

    Ich gebe dir gern Infos zu meinem Blogpost und schreibe an deine Mailadresse.
    Lieben Gruß
    Gabi

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  14. Stoppeln kenne ich nicht mehr,nur aus Büchern... aber Kartoffeln nach sammeln schon, So haben wir uns in den Herbstferien ein bisschen Taschengeld verdient.
    Unser Dorf wurde auch aufgesiedelt, weil alle Bauernhöfe verschwunden waren. Da gab es einen Reichskredit für Land und Haus. Die meisten hielten noch Vieh dazu.
    Lieben Inselgruß
    Kerstin

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  15. Moin liebe Irmi,
    ich kenne die Zeiten nur aus Erzählungen aber ich kann mich gut an das Kartoffelnachsuchen erinnern. Wir Kinder haben das gemacht und dabei noch etliche kleine Kartoffeln gefunden.
    Hier wurden früher die Gänse und Enten über den abgeernteten Acker getrieben damit sie die herungefallenen Ähren fressen konnten.
    Liebe Grüße, Inge

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  16. Liebe Irmi, die Tätigkeit kenne ich aus Erzählungen, aber den Begriff kannte ich nicht. Nach dem Krieg muss es furchtbar gewesen sein, da es nicht viel zu essen gab. Zur Zeit können wir aus dem Vollen schöpfen, doch es kann sich auch wieder ändern.

    lg kathrin

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  17. Liebe Irmi,
    so authentische Geschichtsschilderungen berühren immer wieder. Mich hat es als Kind beeindruckt, wenn mein Vater favon erzählte, wie er als Kind Puddingpulver mit Pinseln aus dem Schotter fegte, weil ein Waggon mit selbiger Ladung entgleist war.
    Wie gut haben wir es doch jetzt!

    Liebe Grüße
    Nula

    PS: Kannst du mir deine Adresse mailen, weil irgendwann im Jahr die Kleine Nettigkeit zu dir möchte.
    ( nulaimnetz@gmail.com )

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  18. Das ist mein Geburtsjahr liebe Irmi!:( Mir wurde oft erzählt, dass manchmal für mich als Säugling nichts gab, es muss ganz schlimm gewesen sein. Hoffentlich wiederholt sich so etwas nicht mehr.
    Noch einen angenehmen Resttag wünscht dir Crissi

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  19. Ringelnatzes Knollensätze sind einfach ein Wucht. Im Spreewald aßen wir wieder einmal ein sehr einfaches Gericht, doch es gehört zu dieser Gegend dazu: Kartoffeln, frisches Leinöl, Quark, Zwiebelwürfel und spreewälder Gewürzgurken. Eine Köstlichkeit, die ich erst schätzen lernen musste.

    dir eine schöne Woche weiterhin,
    herzlichst,
    egbert

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  20. Liebe Irmi,
    Ringelnatz hat wirklich für beinahe alles die richtigen (oftmals ironischen) Worte gefunden.
    Früher, ach ja, früher konnte man tatsächlich noch von der Hand in den Mund als Selbstverpfleger/Nascher durch die Umgebung gehen. ;-)
    Lieben Gruß
    moni

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  21. Liebe Irmi, ich finde es schon heftig, was man damals alles für Essen getan hat. Danke für die Erinnerungen!
    Liebe Grüße an dich!

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  22. Hallo Irmi,
    diese Geschichten kenne ich von meiner Mutter. Meine Brüder, die sehr viel älter als ich sind, mussten auch auf die Felder. Meist holten sie Wruken, so wurden die Steckrüben genannt. Kartoffeln waren damals etwas besonderes.
    Aber das Grabeland habe ich vor noch gar nicht langer Zeit kennengelernt.
    Vor einigen Jahren pachtete ich einen Schrebergarten als zusätzlichen Garten hinzu. Dort war es vorgeschrieben, dass man eine bestimmte Anzahl an qm als "Grabeland" nutzen musste. Dort baute ich etwas Gemüse und Tomaten an.
    Liebe Grüße,
    Anette

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  23. Hallo,

    das kenne sogar ich noch. Als Kinder haben wir das oft gemacht und sind auf die abgeernteten Kartoffelfelder gegangen. Seit ein paar Jahren machen wir das auch wieder, Die Bauern schütten bei uns uns die zu kleinen Kartoffeln am Rand des Feldes auf einen Haufen. So muss man nicht mehr mühsam über den Acker laufen und suchen. Manchmal sehe ich aber auch Leute die schon graben, wenn der Bauer noch nicht geerntet hat, das ist nicht in Ordnung! Die Kartoffeln schmecken meist viel besser als die gekauften. Es ist zwar mühseliger sie zu schälen, aber das ist mit egal. Ein Kartoffelsalat mit diesen kleinen Kartoffeln schmeckt einfach wunderbar und sieht auch noch toll aus. Es gibt so viel zu finden in der Natur. Auch die Bäume geben uns Früchte, die man wunderbar in Marmelade verarbeiten kann. Leider gibt es aber auch da viele Menschen die es übertreiben mit dem Ernten, sollte man doch auch immer an die Tierwelt denken und nicht gnadenlos alle Früchte mitnehmen, denn viele Tiere ernähren sich davon und auch daran sollte man denken. Im letzten Jahr haben wir unsere Walnüsse komplett den Eichhörnchen " geschenkt". Sie waren einfach viel schneller im Sammeln als wir, war aber nicht Schlimm, denn wir hatten noch vom Vorjahr welche im Keller und auch die waren noch essbar. Dieses Jahr aber müssen die Eichhörnchen wieder mit uns teilen. 😉

    Liebe Grüße

    Martina

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  24. wunderbar dieses gedicht von Ringelnatz, ich kannte es genauso wenig wie den begriff. Es ist schon interessant was du wieder für Neuigkeiten für uns hast liebe Irmi, bei dir erlernt man stets Neues hinzu aus deinem Schatz deiner Erinnerungen.Aber bist du schon mal als Kind vielleicht über einen abgeernteten Kartoffelstoppelacker gelaufen? das tut richtig, - richtig weh an den Füßen, daran nämlich erinnre ich mich dunkel.
    lieben Gruß angelface...

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Ich freue mich über jeden Kommentar und möchte mich auf diesem Weg recht herzlich dafür bedanken. Kommentare sind wie das Salz in der Suppe. Ohne fehlt sehr viel.