Donnerstag, 7. Dezember 2017

Das ist eine andere Seite....

Im 9. Jahrhundert blüht in der islamischen Welt die Wissenschaft. In Bagdad werden die Schriften der Antike übersetzt, hier forschen die klügsten Gelehrten. Von ihrem Entdeckergeist profitiert die westeuropäische Kultur bis heute.
Seine Leidenschaft galt der Wissenschaft. Kalif Abu Dscha`far Abdullah al-Ma`mun, Sohn des märchenhaften Harun ar-Raschid und Herrscher des islamischen Reiches von 813 bis 833, war getrieben von dem Wunsch, alle wissenschaftlichen Schriften der Welt unter einem Dach zu versammeln. Genauer: im bat al-hikma, dem  "Haus der Weisheit", um sie dort ins Arabische übersetzen zu lassen. Untergebracht in den Palastbauten Alp-Ma`muns, war das  "Haus der Weisheit" Bibliothek und Akademie zugleich: ein thinktank, in dem die Gelehrten des islamischen Reiches zusammenkamen, um ihr Wissen zu mehren.

Bildergebnis für bait al-hikma - kostenlose Fotos  
(FotoTripadvisor)
 
Mit der Gründung des Hauses im Jahr 825 begann das Goldene Zeitalter der Wissenschaft im Islam. Kalif Al-Ma´mun holte die klügsten Köpfe nach Bagdad. Die Hauptstadt war nicht nur Verwaltungszentrum der islamischen Welt, sondern auch Mittelpunkt von Handel, Kunst und Kultur - und der Wissenschaft. Ende des 9. Jahrhunderts soll es hier mehr als 100 öffentliche Bibliotheken gegeben haben; manche davon angeblich so groß wie sämtliche Bestände des Abendlandes zusammen.
Nicht nur muslimische Araber forschten in Bagdad, auch Perser, Juden und Christen. Arabisch war jedoch die Lingua franca der Wissenschaft. Und während sich Europa in einem geistigen Dämmerschlaf befand, das Wissen der Griechen in Vergessenheit geraten war, erfuhren die alten Geistesgrößen von Ptolemäus über Euklid bis Aristoteles in Bagdad eine Auferstehung. Eine gewaltige Übersetzungsbewegung kam in Gang. Nicht nur das Wissen der Griechen, auch das der Perser und Inder wurde ins Arabische übertragen. Die Gelehrten beschäftigten etliche Übersetzer und Schreiber, alle großzügig finanziert von dem Kalifen und der herrschenden Abbasiden-Elite.
Zwar gab es weitere  "Wissenschaftszentren", darunter Kufa, Basra, Cordoba und später auch Kairo. Aber Bagdad war der Motor des Zeitalters der Gelehrsamkeit. Man müsse  "die Wahrheit auch bei fernen Nationen suchen, die nicht unsere Sprache sprechen", schrieb Al-Kindi, der erste große Philosoph der Araber (813-873):
Bildergebnis für Cordoba - kostenlose Fotos 
(Cordoba)

Ende des 10.Jahrhunderts lagen alle großen Werke des Alterstums auf Arabisch vor. Jetzt wurde darauf aufgebaut. Die Araber waren nicht nur die Fackelträger antiken Wissens, beließen es aber nicht beim Übersetzen, sondern systematisierten, kommentierten und interpretierten das Erbe der Alten. Die Synthese ihrer Erkenntnisse ging weit über die Summe des bisherigen Wissens hinaus.
Der irakisch-britische Wissenschaftshistoriker Jim al-Khalili bezeichnet in seinem Buch  "Im Haus der Weisheit" die arabischen Gelehrten als Empiriker, als die eigentlichen Schöpfer der naturwissen- schaftlichen Methode: des Sammelns von Daten durch Beobachtung und Messung des Formulierens und Überprüfens von Hypothesen, mit denen man  die Daten erklären will - lange bevor Francis Bacon  und René Descartes im 17. Jahrhundert auftraten, denen üblicherweise dieses Verdienst zugeschrieben wird.
Unter der Schirmherrschaft Al-Ma`muns herrschten beste Arbeitsbedingungen: Der Kalif gab unter anderem den Bau einer Sternwarte in Auftrag; Ein Team aus Mathematikern, Geografen und Astronomen sollte das Weltbild und die Erkenntnisse von Ptolemäus überprüfen. Es war vermutlich das erste staatlich finanzierte Großforschungsprojekt der Geschichte.

 Bildergebnis für Kalif Al-Ma`mun - kostenlose Fotos 
(Al-Ma`mun)

Die Liste der bedeutenden Wissenschaftler aus der Blütezeit der islamischen Welt füllt Bände. Zu den Gelehrten im bait al-hikma gehörte auch Al-Chwarismi, Mathematiker, Astronom und Geograf. Ohne ihn wäre die heutige Mathematik nicht denkbar. Sein Buch Al-Gabr begründete die Algebra. Die Karten des Geografen Al-Idrisi blieben für Jahrhunderte das Maß der Dinge. Kolumbus segelte mit einem arabischen Kompass nach Westen, der dänische Astronom Tycho Brahe arbeitete im 16. Jahrhundert mit Techniken, welche die Araber Generationen zuvor entwickelt hatten. Die Kopernikanische Wende, schreibt Al-Khalili, wäre ohne die Vorarbeit der arabischen Wissenschaften nicht möglich gewesen. Das gilt auch für andere Gebiete. Das "Buch der Optik" des Physikers Al-Haytham, ein Lehrbuch mit Beschreibungen von Experimenten, soll Jahrhunderte später Roger Bacon zur Erfindung der Brille verholfen haben.
Groß waren auch die Fortschritte  in der Medizin. Gegen Ende des 8. Jahrhunderts soll es in Bagdad bereits einige Hundert Krankenhäuser gegeben haben, mit hohem ethischem Standard. Erwartet wurde, dass Ärzte die Patienten gleich behandelten, unabhängig von Herkunft und Vermögen. Treibende Kraft war Al-Rasi, ein Perser. Er verfasste erste klinische Studien mit Kontrollgruppen, forschte über Pocken und Masern und leistete Pionierarbeit in der Kinderheilkunde und der Psychiatrie.
Natürlich darf aber einer nicht fehlen: Ibn Sina - latinisiert Avicenna (980-1037). Kein anderer aus dem Morgenland hat das Abendland so geprägt wie er. Er verfasste mehr als 400 Schriften zu Physik, Medizin, Mathematik und Ethik. Sein Kanon der Medizin, der von 1150-1187 ins Lateinische übersetzt wurde, war auch in Europa über sechs Jahrhunderte hinweg das Standardwerk der Mediziner.
All dieses Wissen fand über Andalusien seinen Weg nach Europa. Wieder begann eine Periode emsiger Übersetzungen, diesmal in Städten wie dem spanischen Toledo - diesmal vom Arabischen ins Lateinische.
Nicht lange danach endete die Erfolgsgeschichte der arabischen Wissenschaft - in Bagdad, wo alles begonnen hatte. 1258 verwüsteten die Mongolen das damalige Zentrum der Zivilisation. Glaubt man den Geschichtsschreibern, türmten sich die Schädelpyramiden haushoch und das Wasser des Tigris färbte sich schwarz von der Tinte der Abertausend Bücher, welche die Eroberer in die Fluten geworfen hatten. Die Zerstörung Bagdads ist nur eine von vielen Ursachen für den Niedergang der Wissenschaft in der islamischen Welt. Aber sie markierte den Anfang vom Ende der Blütezeit des Islams.
Bildergebnis für ZEITGeschichte Panorama Der Orient

Ein Sonderheft "ZeitGeschichte Panorama". Eine Investition die sich gelohnt hat. Mein Text wurde den Ausführungen von Arnfried Schenk zugrunde gelegt. Ich weiß, ein langer Post - aber kürzer ging es einfach nicht.

Kommentare :

  1. Moin liebe Irmi,
    wow - da hast diesmal aber ganz tief gegraben - sehr informativ Dein Post - danke dafür :-).
    LG Helga

    AntwortenLöschen
  2. Bruchstückhaft war mir einiges bekannt, aber in der Fülle noch nicht, das kann man auch nicht so auf die Schnelle alles fassen. Es ist ja sehr interessant, dass die Menschen im "Orient" so ein ausgeprägtes Wissen hatten, es fasziniert schon sehr. Man wundert sich nun darüber, wieso man sich dort wieder rückwärts entwickelt. Schuld sind sicher die Einflüsse von Mohammed, der eine völlig andere Geschichte geprägt hat, Verhaltensmasregeln erteilt hat, die die Menschen ihm gefügig machen sollten und es auch noch bis heute tun. Mir tun die Moslems leid, wir bekommen ja durch die Flüchtlinge viele Einblicke in ihre Lebensweise, das völle Beherrschen der Privatatmosphäre ist bedrückend. Seine Persönlichkeit zu entwickeln ist dem Islam fremd, dabei gab es so viele kluge Köpfe damals in den Ländern, als bei uns in Europa noch völlige Unkenntnis in Forschung und Technik anzutreffen waren. Danke für deinen tollen Bericht.
    Liebe Grüße
    von Edith

    AntwortenLöschen
  3. ja..
    da ist so viel durch Enstirnigkeit kaputt gemacht worden
    und verloren gegangen
    es ist wirklich sehr schade dass dieser dumpfe Fanatismus z.B. des IS die eigenen Wurzeln verleugnet anstatt stolz darauf zu sein
    dass sie das kulturelle Erbe das noch übrig blieb zerstören
    an Stelle der Wissenschaften trat der Kampf um Vormachstellungen
    auch hält bis heute an
    da wo der pure Egoismus herrscht geht die Wissenschaft verloren
    sehr schön hast du das geschrieben ..
    liebe Grüße
    Rosi

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Irmi,
    die Details der Blütezeit des Orients kannte ich bisher nicht. Schade, dass die Zeit längst vergangen ist.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Irmi,
    der Post hätte auch nicht kürzer sein dürfen. Das was sehr interessant !
    Ich wünsche dir eine schöne Adventszeit und danke für deine Besuche bei mir !
    LG
    Käthe

    AntwortenLöschen
  6. Liebe Irmi,
    wenn man liest, was früher die Herrschenden für die Wissenschaften getan haben, schämt man sich doch echt für unsere heutigen Politiker, die jeden Cent dreimal umdrehen und dann "sparen"!!!
    Liebe Grüße
    moni

    AntwortenLöschen
  7. Hallo Irmi,
    vielen Dank für diesen informativen Beitrag. Auch ich mag andere Kulturen und lese gerne entsprechende Lektüre.
    Liebe Grüße von Ingrid

    AntwortenLöschen
  8. da ich vor vier Wochen in Andalusien und eben auch in Cordoba war, ist mir einiges bekannt, danke dass du es noch einmal in mein Gedächtnis gerufen hast::)). so viel Weisheit und Kunst und ein friedliches Miteinander der Religionen und Wissenschaften hat mir Respekt gezeigt, was heute leider durch einige < Fanatiker< zu nichte gemacht wird.
    Die Mezquita in Cordoba war und ist ein Traumziel- ach ich könnte schon wieder dorthin!!
    Gruß zu dir
    heiDE

    AntwortenLöschen
  9. Hey Irmi, da würde ich ja gerne mal eine Zeitreise hinmachen!
    Liebe Grüße an dich!

    AntwortenLöschen
  10. Interessanter Post!
    Herzlichst
    yase

    AntwortenLöschen
  11. Man darf bei allem Erstaunen über die Rückschritte in islamischen Ländern nicht vergessen, dass in Europa des 16. Jahrhunderts Menschen hingerichtet wurden, die die geozentrische Weltsicht- und damit wissenschaftliche Erkenntnisse - nicht teilten. Und die Prinzipien der französischen Aufklärung sind auch bei uns noch vielen Menschen nicht selbstverständlich.
    Viele Gepflogenheiten & Vorschriften in islamisch geprägten Kulturen sind erst im 19. Jahrhundert entwickelt worden, so dass solche schlechterdings nicht Mohammed zugeschrieben werden können ( das betrifft z.B. den Umgang mit "Ehebrechern" ). Damals hatte diese Gesellschaften übrigens Kontakt mit westlichen Kolonisatoren.
    Zustimmen würde ich, dass diese Gesellschaften heutzutage nicht mehr in der Lage sind, ihrer Jugend Lebensperspektiven zu öffnen, Produktivkräfte zu entfalten, tatsächlich solidarisch untereinander zu sein und ihren Anteil an der Weiterentwicklung der Wissenschaft in den eigenen Ländern zu entwickeln.
    Das ist traurig, vor allem, wenn man sich an diese "goldene Zeit" erinnert...
    Danke für den Exkurs in die Geschichte!
    LG
    Astrid

    AntwortenLöschen
  12. Ich finde den Beitrag auch sehr interessant. Ich muss in morgen nochmal in Ruhe richtig durchlesen. Im Moment fallen mir ein bisschen die Augen zu ;-)

    Herzliche Grüße von Heidi-Trollspecht

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über jeden Kommentar und möchte mich auf diesem Weg recht herzlich dafür bedanken. Kommentare sind wie das Salz in der Suppe. Ohne fehlt sehr viel.